Interview-Workflow: Von der Recherche bis zum Manuskript
Journalistische Interview-Arbeit ist mehr als „aufnehmen und schreiben". Zwischen erstem Kontakt mit der Quelle und finalem Manuskript liegen sechs Phasen mit jeweils eigenen technischen und rechtlichen Anforderungen — Vorbereitung, Aufnahme, Backup, Transkription, Anonymisierung, Archivierung. Dieser Beitrag zeigt einen Phasen-Workflow, der schnell genug für Recherche-Deadlines und stabil genug für DSGVO und Quellenschutz ist.
Die sechs Phasen im Überblick
1. Vorbereitung
Recherche zur Person und Hintergrund, schriftliche oder mündliche Aufzeichnungs-Einwilligung (sofern nicht offensichtlich, z. B. Pressekonferenz). Technik vorher prüfen: Akku, Speicher, externes Mikrofon. Lokale Aufnahme-App ohne automatischen US-Cloud-Sync wählen.
2. Aufnahme
Stereo-Aufnahme bei zwei Sprechenden für bessere Sprechertrennung. Mikrofon möglichst nah am Sprechenden, Hintergrundlärm minimieren. Bei sensiblen Themen: zweite Aufnahme als Backup auf separatem Gerät, getrennt verwahrt.
3. Backup direkt nach dem Termin
Bevor das Material in die Transkription geht: lokale Kopie auf verschlüsseltem Datenträger. Bei wirklich sensitivem Inhalt (Whistleblower, anonyme Quellen): Backup auf nicht-vernetztem Speicher, kein automatischer Cloud-Sync.
4. Transkription
Upload in einen Transkriptionsdienst auf EU-Servern, idealerweise mit AVV nach Art. 28 DSGVO und Audio-Sofort-Löschung. Sprache vorgeben (Deutsch), Sprechertrennung aktivieren wenn das Tool sie anbietet. Whisper Large-V3 liefert für Deutsch typischerweise eine Wortfehlerrate von 4-7% — das beschleunigt das Manuskript erheblich gegenüber manueller Transkription.
5. Anonymisierung / redaktionelle Überarbeitung
Identifizierende Stellen redigieren — Namen, Orte, Funktionen, Zeitpunkte. Bei vertraulichen Quellen: konsequente Maskierung, vor der Veröffentlichung im Vier-Augen-Prinzip prüfen lassen.
6. Archivierung mit klarem Lösch-Konzept
Nach Veröffentlichung: Audio-Originale löschen (siehe Speicherbegrenzung Art. 5 DSGVO), Transkript bei Bedarf für Gegen-Darstellungs-Fristen aufbewahren. Konkrete Fristen pro Vorgangs-Typ definieren, dokumentiert löschen.
Quellenschutz: was die einzelnen Phasen leisten müssen
Quellenschutz ist nicht nur eine Frage der Veröffentlichung — er beginnt schon bei der Aufnahme. Wer eine vertrauliche Quelle hat, sollte mindestens vier Punkte technisch und organisatorisch absichern:
Aufnahme-Gerät: ohne Auto-Cloud-Backup
iPhone-Diktiergerät synchronisiert per Default in iCloud — bei vertraulichen Aufnahmen vorher abschalten oder dediziertes Aufnahmegerät verwenden. Gleiches gilt für Google Drive Auto-Sync.
Transkription: keine Verarbeitungs-Kette in Drittländer
Auch ein deutscher Anbieter ist riskant, wenn er für die KI-Verarbeitung eine US-Cloud-API einbindet. Vor der Auswahl: kompletter Tech-Stack einsehen, AVV mit Subprozessor-Liste verlangen.
Speicher: getrennt nach Sensitivitäts-Stufe
Pressekonferenz-Material kann im normalen DAM laufen. Hintergrund-Interviews mit vertraulichen Quellen gehören in eigenen Speicher mit eingeschränktem Zugang und automatischer Löschfrist.
Archivierung: bewusste Löschung statt Auto-Anhäufung
Audio-Originale nach Veröffentlichung löschen — siehe Speicherbegrenzung Art. 5 Abs. 1 lit. e DSGVO. Aufbewahrung nur bei konkreten Gründen (rechtliche Klärung, Folgerecherche) mit dokumentierter Frist.
Werkzeug-Stack im Überblick
Aufnahme
Smartphone-Diktier-App ohne Auto-Sync, externes Mikrofon (Lavalier, Reportagemikro), für Premium-Qualität: zweispurige Recorder mit getrennten Spuren pro Sprecher.
Transkription
Tool mit EU-Server, AVV-Bereitschaft, Audio-Sofort-Löschung, Sprechertrennung, Export-Format DOCX/SRT/Text. Kein KI-Training mit hochgeladenen Daten.
Redaktion und Manuskript
Lokales Schreibtool (z. B. Markdown-Editor, Scrivener) oder Redaktions-DMS. Aus Sicherheitsgründen lieber kein US-Cloud-Office bei sensiblen Stoffen.
Archivierung
Verschlüsseltes Volume (LUKS, VeraCrypt) oder Redaktions-Archiv mit dokumentiertem Löschkonzept. Bei besonders sensitiven Materialien: Offline-Speicher im Safe.
Weiterführend
Quellen & Hinweise
DSGVO Art. 5 (Speicherbegrenzung), Art. 32 (Sicherheit der Verarbeitung), Art. 85 (Verarbeitung zu journalistischen Zwecken) · Landespressegesetze (medienrechtliches Privileg) · Pressekodex Ziffern 5 (Berufsgeheimnis / Quellenschutz) und 8 (Persönlichkeitsrechte) · OpenAI-Whisper-Paper „Robust Speech Recognition via Large-Scale Weak Supervision" (2022). Dieser Beitrag ist eine Workflow-Empfehlung und ersetzt keine Rechtsberatung; bei konkreten Konflikten mit Quellenschutz oder Datenschutz die Rechtsabteilung Ihres Hauses einbeziehen.
Transkribr für die Recherche
Audio-Verarbeitung auf Servern in Deutschland, sofortige Audio-Löschung nach Transkription, kein KI-Training mit Ihren Aufnahmen. Sprechererkennung, DOCX-Export, Auto-Anonymisierung. Zahlungsabwicklung über Stripe (EU-Niederlassung Irland, US-Mutterkonzern; Audio-Inhalte verlassen Deutschland nicht). 15 Minuten kostenlos testen.
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